Forschung
Über Sozialethik
Im Unterschied zur Individualethik beschäftigt sich die Sozialethik nicht primär mit dem Handeln des Einzelnen, sondern mit gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen. Sie fragt sich, wie die Gesellschaft gut und gerecht gestaltet werden kann. Ähnliche Bezeichnungen für die Disziplin sind Gesellschaftsethik, politische Ethik, politische Philosophie oder (praktische) Sozialphilosophie. Als theologische Disziplin steht die Sozialethik in jener Tradition, in welcher das Fach auch Christliche Sozialethik oder Christliche Gesellschaftslehre genannt wird.
Leitbild
Die sozialethische Forschung ist theologisch fundiert und interdisziplinär ausgerichtet. Aufgrund der Komplexität moderner Gesellschaften bedarf es der systematischen Einbeziehung von Erkenntnissen aus für die Sozialethik relevanten Bezugswissenschaften (z.B. Philosophie sowie Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften). Am Fachbereich Sozialethik wird gegenwärtig mit empirisch-sozialwissenschaftlichen, gesellschaftstheoretischen und theologischen Bezügen geforscht. Dabei werden geisteswissenschaftliche bzw. philosophisch-ethische und sozialwissenschaftliche Methoden angewendet.
Schwerpunkte des Fachbereichs
sind neben der (sozial-)ethischen Grundlagenforschung: Technik (Digitalität, „Künstliche Intelligenz“, Automatisierung) und Gesellschaft, Medienethik, politische Ethik, Friedensethik und Wirtschaftsethik. Mehr zu unseren Schwerpunkten finden Sie hier oder auf den Profilseiten der jeweiligen Mitarbeiter:innen.
Forschungsschwerpunkte des Instituts
Die Grundlagenforschung im Bereich der Ethik und spezifisch der Sozialethik ist ein zentraler Bestandteil der Forschungs- und Lehrtätigkeit des Fachbereichs sowie Basis für die Forschung im Bereich der angewandten Ethik. Zur Grundlagenforschung gehört neben der Vergewisserung über die Voraussetzungen und Tradition des Faches sowohl die Rezeption aktueller Debatten und Theorien der philosophischen und theologischen (Sozial-)Ethik als auch die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit Entwicklungen in den für die Sozialethik relevanten Bezugswissenschaften (z.B. Sozial-, Politik- und Wirtschaftswissenschaften).
Auch wenn die Grenzen zwischen der politischen Ethik und Friedensethik häufig fließend sind, gibt es innerhalb der Christlichen Sozialethik eine besonders intensive Auseinandersetzung mit Frieden, Krieg und Gewalt. Die sogenannte „Christliche Friedensethik“ ist eine historisch gewachsene Unterdisziplin der Sozialethik mit einer langen Tradition in der kirchlichen Sozialverkündigung. Zentral sind Fragen nach der Legitimität von Gewalt, Krieg und Konflikt und die Gelingensbedingungen des Friedens in einer globalen Welt. Dabei ist die Christliche Friedensethik geprägt von einem pazifistischen Anliegen, das sich im heute zentralen Leitbild des gerechten Friedens widerspiegelt (vgl. Frühbauer 2022, 485ff.).
Frühbauer, Johannes J. (2022), Frieden, in: Marianne Heimbach-Stein, Michelle Becka, Johannes J. Frühbauer, Gerhard Kruip (Hg.): Christliche Sozialethik. Grundlagen – Kontexte – Themen. Ein Lehr- und Studienbuch: Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 485-497).
Technik ist als Gegenstand der (Sozial-)Ethik keinesfalls neu. Die ethische Befassung mit Fragen der Technik und Digitalität hat in den letzten Jahrzehnten durch die vielfältigen technologischen Entwicklungen jedoch zunehmend an Bedeutung gewonnen. Das zeigt sich u.a. darin, dass ethische Fragen der sogenannten „künstlichen Intelligenz (KI)“ heute aus öffentlichen und politischen Debatten kaum noch wegzudenken sind und sich die Forschung zu diesem Thema rapide weiterentwickelt. Die Befassung mit Technik und Gesellschaft im Bereich der Sozialethik reiht sich in diese Diskurse ein und formuliert normative Orientierungen (vgl. Riedl 2022, 280; 287f).
Riedl, Anna Maria (2022), Technik, in: Marianne Heimbach-Stein, Michelle Becka, Johannes J. Frühbauer, Gerhard Kruip (Hg.): Christliche Sozialethik. Grundlagen – Kontexte – Themen. Ein Lehr- und Studienbuch: Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 280-299).
Als Disziplin, die sich mit der Frage befasst, wie die Gesellschaft bzw. eine politische Ordnung gut und gerecht gestaltet werden kann, hat die (Christliche) Sozialethik viele Schnittmengen mit der politischen Ethik. Im Mittelpunkt der politisch-ethischen Forschung am Fachbereich stehen u.a. Fragen der Demokratie und Menschenrechte sowie eine Auseinandersetzung mit Gerechtigkeitstheorien sowie Macht- und Herrschaftskonzeptionen. Zentral ist außerdem die Diskussion sozialer Grundrechte vor dem Hintergrund der für die Christliche Sozialethik zentralen Sozialprinzipien der Personalität, Solidarität und Subsidiarität. Nicht zuletzt nimmt die Forschung ökologische Fragestellungen und Fragen der Nachhaltigkeit in den Blick, die durch den Klimawandel zunehmend an Bedeutung gewinnen (vgl. Spieß 2022, 241ff.).
Spieß, Christian (2022), Politik, in: Marianne Heimbach-Stein, Michelle Becka, Johannes J. Frühbauer, Gerhard Kruip (Hg.): Christliche Sozialethik. Grundlagen – Kontexte – Themen. Ein Lehr- und Studienbuch: Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 241-260).
Unter Wirtschaftsethik versteht man die ethische Befassung mit wirtschaftlichen Strukturen und Systemen. Wirtschaftliche Fragen sind für Fragen der Gerechtigkeit von entscheidender Bedeutung. Die Wirtschaftsethik ist daher ein wichtiges Forschungsfeld der Sozialethik. Im Mittelpunkt der sozialethischen Forschung zur Wirtschaft stehen Überlegungen zur gerechten Gestaltung der Marktwirtschaft, z.B. am Prinzip des Gemeinwohls oder unter dem Stichwort „ökosoziale Marktwirtschaft“. Zudem spielen aktuelle Herausforderungen wie der Klimawandel oder der demografische Wandel und deren wirtschaftlichen Auswirkungen eine wichtige Rolle (vgl. Kruip 2022, 261ff.).
Kruip, Gehard (2022), Wirtschaft, in: Marianne Heimbach-Stein, Michelle Becka, Johannes J. Frühbauer, Gerhard Kruip (Hg.): Christliche Sozialethik. Grundlagen – Kontexte – Themen. Ein Lehr- und Studienbuch: Verlag Friedrich Pustet Regensburg, 261-279).
Die Ethik der öffentlichen Kommunikation, auch Medienethik genannt, beschäftigt sich mit der Frage nach dem guten und richtigen Handeln im Feld von Medien und öffentlicher Kommunikation. Eine ethische Auseinandersetzung mit Medien und öffentlicher Kommunikation thematisiert Werte und Prinzipien, die in der Medienarbeit wichtig sind, fragt aber auch danach wie Akteure, die in diesem Bereich tätig sind, handeln sollen. Zentral ist hierbei u.a. die Frage, wie eine ethische verantwortete und gerechte Gestaltung von Organisationen und Institutionen im Bereich von Medien und öffentlicher Kommunikation aussehen kann (vgl. Filipovic 2025).
Filipović, Alexander (2025): Medien und öffentliche Kommunikation aus ethischer Perspektive. In: Klaus-Dieter Altmeppen, Elisabeth Klaus und Ulrike Röttger (Hg.): Kommunikationswissenschaft. Eine Einführung in die kommunikativen und medialen Grundlagen der Gesellschaft: Springer VS.
BikiEthics
(kurz: BiKiEthics)
Projektleitung: Univ.-Prof. Dr. Alexander Filipović, Noreen van Elk, Ph.D.
Laufzeit: 01. April 2022 bis 31.Dezember 2022
Gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung der Bundesrepublik Deutschland
Wer wir sind
Willkommen auf der Webseite des Drittmittelprojekts “Das Bildungsverständnis im Kontext von KI in der Hochschulorganisation – eine ethische Perspektive” (kurz: BiKiEthics)!
Wir sind ein junges, interdisziplinäres Team, das zu ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz (KI) forscht. Im Rahmen des Drittmittelprojekts BiKiEthics wollen wir untersuchen, ob und wie der Einsatz KI-basierter Technologien in der Hochschulorganisation unsere Vorstellungen davon verändert, was Bildung ist und was sei sein soll. In einem zweiten Schritt möchten wir die Frage nachgehen, welche Folgen dieses veränderte Bildungsverständnis für unsere Gesellschaft hat und wie diese Entwicklungen aus ethischer Sicht zu bewerten sind.
Haben wir Ihr Interesse geweckt? Hier finden Sie weiterführende Informationen zu den Fragestellungen, Zielsetzungen, Perspektiven und Zielgruppen des Projekts. Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Weiterlesen!
Projektbeschreibung
Die fortschreitende Digitalisierung und die Entwicklungen im Bereich der Technologie und der Künstlichen Intelligenz stellen Hochschulen und Universitäten vor neue Herausforderungen. Die Herausforderung besteht zum einen darin, neue, digitale Formen des Lernens und Lehrens zu entwickeln, die den Anforderungen der heutigen Zeit gerecht werden. Zum anderen stellt sich angesichts der dabei zu erwartenden steigenden Kosten und Ansprüche die Frage nach den Möglichkeiten digitaler Techniken zur Steigerung der Leistungsfähigkeit und der Qualität des Bildungswesens selbst. Insbesondere Anwendungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) erweisen sich hier als vielversprechend.
Das Projekt setzt bei der Überzeugung an, dass die Frage, wie ein ethisch verantwortbarer Einsatz von KI-basierten Technologien in der Hochschulorganisation möglich ist, nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Datenschutzes und der Gerechtigkeit beantwortet werden kann. Eine Auseinandersetzung mit den Zielen und Idealen, die mit dem Bildungsverständnis der Hochschulen verbunden sind, sowie mit den Auswirkungen des Einsatzes von KI-basierten Technologien auf dieses Bildungsverständnis, ist ebenfalls unerlässlich. Denn Bildungsverständnisse sind nicht statisch, sondern verändern sich in Relation zu gesellschaftlichen, kulturellen, technischen und sozialen Faktoren. Bildungstechnologien, so unsere These, basieren nicht nur auf gesellschaftlichen Bildungsverständnissen, sondern können diese auch mehr oder weniger prägen und verändern.
Das Projekt setzt für die ethische Analyse der Verwendung von KI-basierten Bildungstechnologien im Hochschulwesen daher bei der Frage an, ob und wie sich diese Technologien auf unser Bildungs-verständnis auswirken, wie diese Veränderung bewertet werden kann und wie dies für eine ethische Analyse von KI-Bildungstechnologien im Hochschulwesen einbezogen werden kann.
Projektdesign
- Rekonstruktion und Bewertung der „Ideen von Hochschulbildung“
- Analyse der KI-Systeme, die in der Hochschule zum Einsatz kommen sollen.
- ExpertInnen- und Fokusgruppen-Interviews (Studierende) zum Zusammenhang von Zielen der Hochschulbildung und KI-Systemen.
- Evaluation der Folgen von KI in der Hochschulorganisation für die Ziele von Hochschulbildung.
- Empfehlungen für politisches Handeln in Bereich der KI-Transformation der Hochschulen
Univ.-Prof. Dr. Alexander Filipović
Leiter des Fachbereichs Sozialethik und Projektleiter
Tel.: +43-1-4277-30342
E-Mail: alexander.filipovic(at)univie.ac.at
Noreen van Elk, Ph.D.
Universitätsassistentin (Postdoc) und stellv. Projektleiterin
Tel.: +43-1-4277-30346
E-Mail: noreen.van.elk(at)univie.ac.at
Dr. Christoph Tröbinger, MA
wissenschaftlicher Mitarbeiter Post-Doc
Tel.: +43-1-4277-30343
E-Mail: christoph.troebinger(at)univie.ac.at
Jacqueline Michl, BA MA
E-Mail: jacqueline.michl(at)univie.ac.at
Policy Paper zur Ethik der KI-Technologien in der Hochschulorganisation erschienen
Das Papier gibt auf der Basis der Ergebnisse des BiKIEthics-Projektes Handlungsempfehlungen zu Förderpolitik und Hochschul- bzw. Bildungspolitik.
Neue Entwicklungen zeigen, dass sich das Hochschulwesen durch die zunehmende Digitalisierung und die Anwendung KI-basierter Technologien stark verändern wird. Diese Veränderungen betreffen sowohl die Hochschullehre als auch die allgemeine Hochschulorganisation. Um diese Veränderungen nachhaltig, ethisch und verantwortlich zu gestalten, ist eine kritisch-ethische Begleitdebatte von großer Bedeutung. Das Forschungsprojekt „BiKIEthics“ an der Universität Wien untersuchte, wie sich der Einsatz KI-basierter Technologien auf das Bildungsverständnis auswirkt. Das Projekt kam zu dem Ergebnis, dass KI-Technologien das Bildungsverständnis in Richtung einer stärker individualisierten und selbstgesteuerten Bildung verändern.
Basierend auf den Ergebnissen des Projekts werden Handlungsempfehlungen für die Förder-, Hochschul- und Bildungspolitik vorgestellt. Diese sollen dazu beitragen, dass KI-basierte Technologien in der Hochschulorganisation nachhaltig und ethisch verantwortbar genutzt werden.
Das Papier können Sie hier lesen: https://doi.org/10.13140/RG.2.2.34853.68324
Die englische Version können Sie hier abrufen: http://dx.doi.org/10.13140/RG.2.2.17980.62085
Workshop Drittmittelprojekt "BiKiEthics" - 7. und 8. November 2022
Erfolgreicher Workshop im Rahmen des Drittmittelprojektes „BiKiEthics“ am 7. und 8. November 2022.
Das Team von „BiKiEthics“ hat im Rahmen des Forschungsprojektes zur Organisation von Hochschulbildung durch KI-Systeme aus ethischer Perspektive, Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen zu einem Workshop vergangene Woche eingeladen. Über zwei Tage wurde zu den Themen KI-Systeme in der Hochschulbildung, über die Einflüsse neuer Technologien auf das traditionelle Bildungsverständnis sowie die zukünftigen Möglichkeiten und Risiken von Hochschulbildung in Deutschland und Österreich, gesprochen. Durch interessante Vorträge von Expert*innen, wie Dr. Sabine Behrenbeck (Wissenschaftsrat, Köln), Prof. Dr. Thomas Köhler (TU Dresden) oder Prof. Dr. Matthias Kettner (Universität Witten-Herdecke), wurden relevante Debatten angestoßen und durch die Vorstellung der aktuellen Forschungsphase des Projektes „BikiEthics“ ergänzt.
Vielen Dank an die Referent*innen und Expert*innen für das Interesse und die Partizipation an dem Workshop sowie die vielseitigen Anregungen und die Diskussionsbereitschaft.
Eine vollständige Übersicht zu den einzelnen Vorträgen sowie zum Ablauf des Workshops finden Sie hier.
Im "Journal of Open, Distance, and Digital Education" ist gerade unser Artikel "Conceptions of education and ethics of AI in higher education: An exploratory qualitative study" erschienen.
Worum geht es?
Künstliche Intelligenz ist auch ein Riesenthema an Hochschulen. Natürlich gilt: KI-Ethik muss auch beim Einsatz an den Institutionen tertiärer Bildung eine Rolle spielen.
In unserem Aufsatz vertreten wir die These, dass mit dem Einsatz von KI an Hochschulen sich das verändert, was wir unter Bildung verstehen. Es geht bei KI-Ethik im Hochschulbereich also nicht nur um Datenschutz, Transparenz, Verzerrungen und Verantwortung. Es geht auch darum, dass wir mit KI die Institutionen so umbauen, dass Hochschulbildung nicht mehr das ist, was es vorher war.
Wir präsentieren eine Studie, in der wir Interviews auswerten mit Expert:innen aus der deutschsprachigen Hochschullandschaft. Mit ihnen haben wir gesprochen über KI und Hochschulbildung und wie der Hype um KI alles verändert.
Filipović, A., Beck, C., van Elk, N., Tröbinger, C. & Michl, J. (2025). Conceptions of education and ethics of AI in higher education: An exploratory qualitative study. Journal of Open, Distance, and Digital Education, 2. https://doi.org/10.25619/x06x8c41